NLP und Mediation: Sprachliche Flexibilität – Markenzeichen für Mediatoren

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„(…) Zuvor war ich neugierig auf Anita Kahler-Ehrlich von der NLP-Sommerakademie. Wie würde sie Neulingen und Einsteigern das NLP nahebringen – in anderthalb Stunden? Sie macht es so: lebendig und flott, im super Rapport mit ihren Teilnehmern. (…)“

Regine Rachow in einem Artikel zu den Internationalen Mediationstagen in Hamburg in „Praxis Kommunikation“, Heft 2, 2016. Hier geht’s zum ganzen Artikel:

SAG, WAS MIT DIR IST

15. Internationale Mediationstage in Hamburg: Beitrag für eine friedlichere Welt, Impulse für die Professionalisierung und ein Preis für einen großen Kommunikator.

Keine zwei Minuten nach der Eröffnung sind wir über die anderen in der großen Runde schon ein wenig im Bilde. Einige sind seit Jahrzehnten mit Mediation befasst, viele praktizieren sie seit einigen Jahren. Es gibt eine sehr große Zahl „Profis“ aus anderen Fächern, die sich für Mediation interessieren. Gut 300 Teilnehmer zählten die In- ternationalen Mediationstage vom 28. bis 30. Januar in Hamburg. Und der zweite Tag beginnt mit Bewegung. Wir haben uns freundlich mit dem Nachbarn bekannt gemacht, gleich werden wir das Tagesprogramm im Schnelldurchlauf erleben, angelehnt an die Idee des „Open Space“. Wer als Referent seine Erfahrungen mit anderen teilen will, ist herzlich eingeladen, in einem Stand-up für seinen Workshop zu werben.

Zum ersten Mal in 15 Jahren gibt es dieses Cross-over-Format aus Mediation und angrenzenden Bereichen, von Coaching bis Unternehmenstheater, bei dieser Veranstaltung des Mediation DACH e.V., Deutschland, Austria, Schweiz. Das Publikum wird gut eingestimmt, z. B. von Ralf Heske auf The Work nach Byron Katie, von der Biologin Regina Paul auf Koyote-Teaching and -Mentoring in der Natur, von Kerstin Lück auf Change-Management im Business, Konfliktmanagement und Teambuilding. Danach fällt die Entscheidung für die Parallelveranstaltungen (jeweils vier in zwei Blöcken) nicht mehr gar so schwer wie gewöhnlich bei solchen Events.

Es geht immer um Mediation, d.h. um die konstruktive Beilegung von Konflikten, bei der ein allparteilicher Dritter auf strukturierte, konstruktive und empathische Weise die Betei- ligten bis zu einer Lösung begleitet: eine Lösung, die alle streitenden Seiten zufriedenstellt. Und es geht um Möglichkeiten, alles, was die aktuelle Kompetenzlandschaft bietet, zu nutzen, um dieses Ziel zu erreichen. Natürlich bin ich mit der Frage nach Hamburg gefahren, was Mediation beizutragen hat zur Besänftigung dieser Welt, die aktuell von Streit, Hass und Krieg erschüttert wird.

Tatsächlich bekomme ich eine Antwort, und zwar im Vortrag zweier Referenten: Reimar Palte, Hamburger Unternehmensberater und Mediator, der ein bundesweites Integrationsprojekt gemeinsam mit anderen entwickelt, und Susanne Perker vom Hamburger Institut für Mediation. Reimar Palte berichtet von einer Schule, „in der Lehrer aus 15 unterschied- lichen Nationen Mädchen und Jungen aus 30 Nationen unterrichten“. Sein Kompetenzzentrum für „Interkulturelle Mediation an Schulen“ zielt auf eine gewaltfreie Streitkultur. Palte will Lehrer und Schüler für die mediative Beilegung interkultureller Konflikte stärken. Es geht um entsprechende Trainings an Schulen zur Prävention, um Begleitung und Forschung, etwa Analysen von Konfliktursachen und Dokumentation von Streitbeilegungen, sowie um die Vermittlung interkulturell erfahrener Mediationen. (…) www.grünes-netz-mediation.de. Susanne Perker, 1. Vorsitzende des Hamburger Instituts für Mediation e.V., stellt das Projekt „Mediation und Geflüchtete“ vor, das derzeit in der MediationsZentraleHamburg e.V., einem unabhängigen Netzwerk von 60 Mediatoren, entsteht. Es geht um Mediation von konkreten Konflikten, Supervision in den Helferteams, Moderation von Anwohnertreffen und um Streitschlichter-Ausbildung in der Arbeit mit Flüchtlingen, u. a. in Erstaufnahmeeinrichtungen und Dauerunterkünften, in denen es ja viel Konfliktstoff zwischen Betreibern, Sicherheitsdienst, den Schutzsuchenden und Anliegern gibt. (…)

Sprachliche Flexibilität ist ein Markenzeichen für Mediatoren.

Zuvor war ich neugierig auf Anita Kahler-Ehrlich von der NLP-Sommerakademie. Wie würde sie Neulingen und Einsteigern das NLP nahebringen – in anderthalb Stunden? Sie macht es so: lebendig und flott, im super Rapport mit ihren Teilnehmern. Sprachliche Flexibilität ist selbstverständlich ein Markenzeichen auch für Mediatoren. Das NLP hat da etwas zu bieten: das Metamodell der Sprache zum Erkunden der „inneren Land- karte“ streitender Parteien. Und das Milton-Modell zum Aktivieren ihres Unbewussten für Ressourcen, die zu Lösungen führen.

Von all dem erfahren wir, samt Geschichtsunterricht: Perls setzte sich seinen Patienten erstmals gegenüber. Er wollte sie sehen, wenn sie von ihrem „Problem“ reden. Eine Revolution in den Hochzeiten der Psychoanalyse! Wo doch alles auf der Couch lag, abgewandt vom Therapeuten. Satir erkannte den großen Einfluss des Umeldes (Familie, „System“) auf das Problem des Individuums. Erickson zeigte, dass das Unterbewusstsein nicht nur heikel und triebhaft ist. Anita Kahler-Ehrlich: „Da steckt unsere gesammelte Lebenserfahrung drin. Und wir führen es stets mit uns.“ Am Ende haben wir noch Zeit zum Üben eines Formats, mit dem wir uns innerlich auf einen großen Auftritt vorbereiten können.

Zum Abschluss des Cross-over-Tages gibt es Gelegenheit zum „Netzwerken“. Immerhin sind etliche Gäste aus dem Ausland angereist. Und zum Ausklang bekommt ein Großer unter den Psychologen den Winwinno 2016 des Mediation DACH e.V. in der Kategorie „Verstehen fördern“: Friedemann Schulz von Thun. Er habe wie kein zweiter mit seinen Kommunikationsmodellen und seinen Büchern dazu beigetragen, dass Millionen Menschen, MediatorInnen, MediantInnen und KonfliktlöserInnen das „Miteinander reden“ als Verständigungsquelle erforschen und neu entdecken, sagt Anita von Hertel in ihrer Laudatio. Tags darauf, am Samstag, wird es weitere Winwinno-Preisträger geben. In der Kategorie „Frieden fördern“ werden ihn Laurent Goetschel und Sara Hellmüller für die Organisation Swisspeace entgegennehmen. Und in der Kategorie „Familien-Frieden fördern“ werden ihn Christoph Paul und Jamie Walker für ihren Beitrag zur Friedens- förderung in interkulturellen Familienkonflikten erhalten.

Doch erst einmal begeistert Schulz von Thun uns mit einem Vortrag, in dem er uns seine Modelle vorstellt und dabei auch von zwei persönlichen Konflikten berichtet: zum einen ein Konflikt als Abiturient mit seinem rechtschaffenen Vater und zum anderen eine Bewährungsprobe als Festredner einer Immatrikulationsfeier, der ersten, die die Hamburger Universität nach 25 Jahren, seit den Studentenunruhen der 68er-Bewegung, wieder für die Erstsemester veranstaltete. Und die lautstark und aggressiv von studentischen Aktivisten gestört wurde. Eine Gelegenheit, bei der Schulz von Thun in seiner Not auf einen Satz aus dem reichen Erfahrungsschatz seiner Lehrerin und Kollegin Ruth Cohn zurückgriff: Wenn’s schwierig wird mit der Kommunikation, dann sag, was mit dir ist.

Ich nehme auch diesen schönen Satz mit nach Hause. Wie gut, dass sich jemand, der sich professionell und menschlich wirklich auskennt, immer wieder selbst einbezieht in die Schilderungen der Schwierigkeiten miteinander zu reden. Diese Schwierigkeiten zu überwinden hat die Mediation, wie diese Tage in Hamburg zeigten, viel beizutragen.

Regine Rachow

 

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