Wie entstand NLP?

Die Ursprünge des NLP reichen bis in das Jahr 1972 zurück (…) Kristallisationskern waren die ungewöhnlichen Ideen zweier Männer, deren Arbeit neue Horizonte eröffnen sollte:

Richard Bandler, unermüdlicher Motor und Antreiber des Projekts, war damals gerade 22 Jahre alt. Er studierte Mathematik und Computerwissenschaften an der University of California in Santa Cruz. Seit längerem begeisterte er sich aber für zeitgenössische Psychotherapie. Durch seine Bekanntschaft mit Robert S. Spitzer, dem Präsidenten des Verlagshauses Science & Behavior Books (Palo Alto), hatte er schon früh Gelegenheit, einigen Koryphäen des Fachs persönlich zu begegnen. Daher konnte er aus erster Hand von ihnen lernen. John Grinder – zunächst Supervisor, dann Partner Bandlers – arbeitete als Assistenzprofessor für Linguistik unter dem berühmten Anthropologen Gregory Bateson am Kresge College derselben Hochschule. (…) Zum Zeitpunkt seiner Begegnung mit Bandler war er dabei, ein linguistisches Lehrbuch zu veröffentlichen. Gegenstand war die Transformationsgrammatik Noam Chomskys.

Zusammen mit Leslie Cameron , Judith DeLozier, Stephen Gilligan (..) und Robert Dilts entwickelten Bandler und Grinder im Laufe weniger Jahre die Grundlagen des NLP.

Judith DeLozier, Mitentwicklerin der ersten Stunde, beschrieb den Beginn des „Projekts NLP“ wie folgt: „Diese Fachrichtung, die als NLP bekannt ist, begann – eigentlich schon bevor sie überhaupt einen Namen hatte – mit einer Gruppe von interdisziplinär arbeitenden Leuten. Diese Leute waren dadurch motiviert, daß sie in gleicher Weise neugierig darauf waren, wie wir lernen, wissen und kommunizieren, wie wir uns verändern und wie wir den Prozeß der Veränderung in einer wohlgeformten Weise beeinflussen können. (…)“

Das Versagen der Psychotherapieforschung

Die Initialzündung für das Projekt kam aus der akademischen Therapieforschung. Hier versuchte man seit Ende der 50er Jahre, Wirkfaktoren der Psychotherapie dingfest zu machen. Befangen in einem allzu engen Wissenschaftsverständnis hatte man aber kaum praxisrelevante Ergebnisse vorzuweisen.

Dieser Missstand war aufs Engste mit dem Vorgehen akademischer Forscher verknüpft: Zunächst klassifizierte man abstrakt mögliche Einflussgrößen. Diese Variablen wurden dann isoliert und im Rahmen experimenteller Settings überprüft. Empirische Studien sollten so Schlussfolgerungen über die Wirksamkeit einzelner Elemente erlauben.

Meist waren die Ergebnisse derartiger Experimente – ganz in der Tradition exakter naturwissenschaftlicher Forschung – in Form statistisch ermittelter Zahlenwerte formuliert. Daher führten diese Untersuchungen lediglich zu losen Sammlungen von Erkenntnissen, die kaum nutzbare Zusammenhänge untereinander aufwiesen. Zwar hatte man viele Einflussvariablen überprüft, doch wurde es versäumt, die Ergebnisse so zu formulieren, dass sie für die therapeutische Praxis fruchtbar gemacht werden konnten.

Die Forschungen der Palo-Alto-Gruppe und des MRI

Vielversprechender war hier der Zugang Gregory Batesons. Er erforschte seit den 30er Jahren in transkulturell angelegten Studien die Bedeutung der Kommunikation für menschliches Erleben und Verhalten. Seit Ende der 40er Jahre hatte er sich zunehmend bemüht, psychotherapeutische Theorie und Praxis im Rahmen einer kybernetisch konzipierten Theorie der Kommunikation zu diskutieren.

1956 war ihm – zusammen mit den Psychiatern Jay Haley und Don D. Jackson sowie dem Chemotechniker John H. Weakland – der Entwurf einer neuartigen Sichtweise gelungen. Sie machte die „Geisteskrankheit Schizophrenie“ als Resultat destruktiver Interaktionsmuster verständlich.

Diese – als „Double-Bind“-Hypothese berühmt gewordene – Auffassung war zugleich Ausgangspunkt jenes Zweiges der Psychotherapie, der heute unter dem Begriff „Familientherapie“ fest im Feld der Klinischen Psychologie verankert ist.

1958 begegnete Don Jackson erstmals Virginia Satir. Sie arbeitete seit Jahren – als erste Therapeutin überhaupt – mit vollständigen Familien. Viele Familientherapeuten der ersten Generation waren von ihr ausgebildet worden.

Gemeinsam mit Jules Riskin gründeten Jackson und Satir 1959 das Mental Research Institute (MRI) in Palo Alto. Hier wollte man auf der Grundlage systemischer Konzepte den Zusammenhang zwischen Gesundheit/Krankheit und familiären Interaktionsmustern erforschen. Bateson, Haley und Weakland übernahmen eine beratende Funktion.

Knapp zwei Jahre später stieß Paul Watzlawick dazu. Inspiriert von den genialen Interventionen des Hypnotherapeuten Milton H. Ericksons und der Pionierarbeit Virginia Satirs bemühte man sich jetzt, Grundprinzipien therapeutischer Strategien auszuarbeiten. (…)

Der Neuansatz Bandlers und Grinders

Bandler und Grinder griffen diese Arbeiten auf, erweiterten sie jedoch um einen neuartigen Zugang. Sie rückten die unmittelbaren Interaktionen zwischen Therapeut und Klient in den Brennpunkt des Interesses. Ihr Ziel war, herauszufinden, was genau erfolgreiche Therapeuten tun.

Rupprecht Weerth beschrieb die konzeptionelle Ausgangslage der NLP-Entwickler wie folgt:

„Es gibt … eine Vielzahl von unterschiedlichen psychotherapeutischen Schulen und Einzelverfahren … Die meisten therapeutischen Verfahren weisen in etwa ähnliche Erfolgsquoten auf, allerdings im Einzelfall nicht sicher vorhersagbar und längst nicht in dem Ausmaß, wie es die jeweils zugrundeliegende Theorie und Methode verspricht.

Therapeuten, die nach gleichen Verfahren arbeiten, erreichen ihre Therapieziele, auch wenn sie nach „Lehrbuch“ alles richtig machen, nur in sehr unterschiedlichem Maß. Offensichtlich, so folgerten Bandler und Grinder, liegt der Therapieerfolg nicht so sehr an dem gewählten Verfahren als vielmehr an dem jeweiligen Therapeuten, der das Verfahren anwendet.

Wenn das stimmt, dann haben erfolgreiche Therapeuten kommunikative Fähigkeiten und Verhaltensweisen, die in dem jeweils bewußt zugrundegelegten Therapiemodell nicht explizit enthalten sind und daher in der Ausbildung zu diesem Verfahren auch nicht explizit gelehrt werden. Ursprüngliches Ziel von Bandler und Grinder war, diese nicht oder nur teilweise bewußten kommunikativen Fähigkeiten und Verhaltensweisen erfolgreicher Psychotherapeuten unterschiedlicher Schulen systematisch auf ihre gemeinsamen grundlegenden Regeln und Muster hin zu untersuchen und zu vergleichen, um so die eigentlichen Wirkfaktoren erfolgreicher Therapie bestimmen und an andere weitervermitteln zu können.“

Ausgangspunkt der NLP-Entwickler war also der Versuch, typische Kommunikationsmuster effektiver Menschenhelfer aufzudecken. Deren explizite Beschreibung sollte es möglich machen, therapeutische Fertigkeiten lehr- und lernbar zu machen.

Zu diesem Zweck studierten Bandler und Grinder das Kommunikationsverhalten dreier ausgewiesener Meister ihres Fachs: Fritz Perls (Gestalttherapie), Virginia Satir (Familientherapie) und Milton H. Erickson (Hypnosetherapie).

Batesons kybernetische Kommunikationstheorie, seine Unterscheidung zwischen verbaler und nonverbaler Kommunikation, die linguistischen Theorien Chomskys und Korzybskis sowie das Konzept der „Repräsentationssysteme“ bildeten jetzt die Beschreibungsmatrix für das, was zwischen Therapeut und Klient geschieht.

(…) Zunächst konzentrierten sich Bandler und Grinder auf linguistische Analysen der Sprachmuster Perls‘, Satirs und Ericksons. Dann gingen sie zu einer Beschreibung ihres nonverbalen Verhaltens über.

(..) Psychotherapie – verstanden als Entschlüsselung und Veränderung unbewußter Verhaltens- und Erlebensmuster („neurolinguistische Programme“) – entpuppte sich dabei zunehmend als lediglich partielles Anwendungsfeld ihrer Modelle. Es war nur eine Frage der Zeit, bis man entdeckte, daß die NLP-Modelle auch auf andere Gebiete übertragen werden konnten. Doch noch wurde dieser Schritt nicht vollzogen.

 Die Entwicklung bis 1977

Auf der Basis ihrer damaligen Erkenntnisse entwickelten Bandler und Grinder therapeutische Veränderungsmethoden, die eine bis dahin für unmöglich gehaltene Wirksamkeit aufwiesen. Erstmals war therapeutischer Erfolg – wenn auch abhängig von der Kunstfertigkeit des Anwenders – kalkulier- und wiederholbar geworden. Meta-Modell und Milton-Modell, Rapportstrategien und Ankertechniken sowie Reframing-Methoden und Strategiearbeit waren die Teile jenes Puzzles, das den Ruf des NLP als „ultimative Therapiemethode“ begründete. (…)

Eine der bedeutendsten Errungenschaften des NLP war aber zweifellos die rückhaltlose Anerkennung menschlicher Subjektivität. Indem subjektives Erleben erforscht und in seiner Erscheinungsform und Reichhaltigkeit gewürdigt wurde, erhielten Normierungen und Stereotypen eine klare Absage. Damit blieb der Klient – zumindest bis zu einem gewissen Grad – vor schulenbedingten Glaubenssystemen und Interpretationen des Therapeuten geschützt.

Bandler, Grinder und Satir bemerkten hierzu in einem frühen Grundlagenwerk des NLP: „Viele therapeutische Modelle ließen sich anscheinend in der Vergangenheit von der Vorstellung eines idealen Menschen leiten, was zu Konzepten von Vorgehensweisen zur Persönlichkeitsveränderung in Richtung auf dieses Idealbild führte.

Wir glauben, daß es kein allgemeingültiges Modell für das menschliche Wesen gibt, daß vielmehr jeder Mensch eine Vorstellung von seinem Idealbild hat. Die Überzeugung von der Einzigartigkeit eines menschlichen Individuums erfüllt uns mit Freude. Sie spiegelt die Intentionen unserer Therapie und befindet sich in Übereinstimmung mit den Erkenntnissen der modernen Biologie.“

Insgesamt lag der Fokus der frühen NLP-Anwendung – nicht zuletzt durch den starken Einfluß Virginia Satirs, die über Jahre hinweg eng mit Richard Bandler und John Grinder zusammenarbeitete – in erster Linie auf dem Bestreben, gangbare Wege zur Linderung von Leid zu eröffnen. Dabei wurde dort zur Selbstverwirklichung ermuntert, wo Grenzen und Integrität anderer gewahrt blieben. Die sorgfältige Ausbalancierung aller Interessen – intrapsychisch wie interpersonal – war das Leitmotiv therapeutischen Tuns.

 

Dieser Beitrag ist ein Auszug aus dem Artikel, „Was ist NLP?“ von Dr. Wolfgang Walker, erschienen am 29.08.2010. Vielen Dank für die Genehmigung.  Der Orginalartikel findet sich unter folgendem Link : Wolfgang Walker, Was ist NLP?

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